Nach Osten, nach Westen und zurück
06.11.2019
Tatsächlich ist es nun soweit, die letzten Wochen unseres Aufenthaltes in den USA. Auf dem Weg vom Yosemite zurück nach Boulder haben wir uns Zeit gelassen und verschiedene Gebiete besucht, in denen wir bereits gewesen waren und nochmal gerne stoppen wollten. Als Kletterer ist es nun mal gefühlt so, dass man NIE alles in einem Gebiet erledigt hat, was man unbedingt machen wollte. Langsam schleicht sich auch die Realität in unsere Köpfe, dass dies wahrscheinlich für lange Zeit unsere letzten Tage in den USA sein werden, weswegen wir auch noch ein paar Touristenstopps im Ancient Bristlecone Pine Forest, Black Canyon of the Gunnison und im Great Sand Dunes Nationalpark eingelegt haben.
Red Rocks Canyon
Nachdem wir nun mehr Erfahrung im Selbstabsichern gesammelt haben und uns auch Standplätze ohne Bohrhaken nicht mehr zu sehr erschrecken, eröffneten sich uns einige neue Möglichkeiten in Red Rocks, welche wir im Frühjahr noch nicht klettern wollten. Leider haben uns die Spätfolgen des Windes an der Washington Column jetzt doch noch voll eingeholt und uns beiden eine ordentliche Erkältung beschert, sodass aus den längeren Touren nun doch nichts wurde – macht aber nichts, denn es gibt hier auch ganz ausgezeichnete kurze Touren. Krankheitsbedingt mussten wir auch einen Ruhetag mehr einlegen als geplant – den wir mit Kino im Casino in Las Vegas gefüllt haben. Unsere Abwesenheit vom Zeltplatz hat auch gleich ein ‚Wüstenrodent’ (=Nager) dazu genutzt, sich durch unsere Zeltwand und nachfolgend durch Piet’s Jacke zu nagen, um an ein paar Nussreste in der Jackentasche heranzukommen. Mit diesem Nagerloch in der Wand hat sich der Verfall unseres Zeltes ab sofort beschleunigt. Mit Prince of Darkness konnten wir eine ziemlich imposante Wand im Black Velvet Canyon klettern und die Tour Dark Shadows bot uns den willkommenen Schatten, den wir bei den knapp 30 Grad (die böse 9!) in Las Vegas unbedingt benötigten. Mehr haben wir dann gar nicht unternommen, denn wir hatten uns für die letzten drei Wochen ja noch einiges vorgenommen.
Castle Valley und Indian Creek
Bekannterweise sind wir ja auch kein Freund hoher Temperaturen, deshalb wirkte die Vorhersage von Temperaturen um die 15 Grad (Celsius) plus Sonnenschein in der Wüste rund um Moab bei uns eine große Anziehungskraft aus. Leider galt das dann aber nur tagsüber – nachts gefror das Wasser in unseren Kanistern regelmäßig und ab diesem Zeitpunkt wurden bis oben verschlossene Schlafsäcke dann auch wieder zum Alltag. Hatte nicht beim letzten Beitrag jemand kommentiert, dass das Wetter so viel Rücksicht auf uns nehmen würde?
Unterm Strich war es dann auch gar nicht so schlimm, denn in der Sonne war es wirklich nahezu perfekt um hier noch einige Touren zu klettern. Allen voran den Castleton Tower. Mountainproject.com empfiehlt den lokalen Kletterern, wenn möglich, europäische Sportkletterer mit in die Tour zu nehmen, um jene beim Kamin- und Offwidth-Klettern versagen zu sehen und fluchen zu hören. Vielleicht hätte uns diese Aufforderung eine Warnung sein sollen, aber da Piet bereits vor mehr als 6 Jahren die gleiche Tour geklettert ist stiegen wir natürlich bedenkenlos ein. Schließlich war das damals zwar aufregend aber jetzt müssten wir ja viel routinierter sein…
Letztendlich waren wir dann beide doch sehr überrascht wie herausfordernd das ganze Unternehmen dann wurde. Vor allem die Feststellung, dass Piet beim besten Willen nicht in den Kamin passte und sich stattdessen mit größeren Sicherungsabständen arrangieren musste, sorgte für ungewollte Adrenalinschübe beim Vorstieg. Wegen des großen Andranges dauerte das ganze Unterfangen dann noch etwas länger als geplant, dafür wurden wir dann aber von Sonnenuntergangsstimmung auf dem Gipfel begrüßt. Das Abseilen im letzten Tageslicht war kein Problem und der Rückweg dank Stirnlampen ebenfalls in Ordnung.
Auf Indian Creek freuten wir uns beide schon ziemlich – denn anders als im Yosemite gibt es dort nicht diese elendigen Plattenstellen, sondern einfach nur kontinuierliche, lange, homogene Risse, die es einem erlauben praktisch jederzeit neue Zwischensicherungen zu legen. Die einzige Einschränkung ist dann wohl die Menge an Sicherungsgeräten und die eigene Ausdauer. Zum Glück war von ersterem einiges vorhanden, vor allem dank der vielen Leihgaben, die wir erhalten haben. Zweiteres war mäßig vorhanden, sodass wir uns regelmäßig mit verkrampften Daumen vom Handklemmen arrangieren mussten, aber letztendlich konnten wir einiges klettern was wir bei unserem letzten Besuch noch nicht so richtig probieren wollten. Ansonsten konnten wir außerdem sehr erfreut feststellen, dass Handrisse sich inzwischen nicht mehr so richtig schwer anfühlen und sogar richtig Spaß machen können (und auch ohne Schmerzen kletterbar sind!). Der Verfall unseres Zeltes ist in dieser Wüstenregion weiter fortgeschritten, indem die beiden Außenzeltreisverschlüsse vom Sand so verdreckt wurden, dass man sie nicht mehr bewegen konnte. Auch eine ausgiebige Seifenbehandlung konnte daran nicht viel ändern, sodass wir eine Zeltseite mit Panzertape zugeklebt haben und die andere Seite unten geschlossen halten müssen, und immer durch die obere Öffnung reinkrabbeln mussten (hier funktionierte der obere Teil des Reisverschlusses noch gut genug).
Boulder und Shelf Road
Langsam wurde es dann Zeit sich mit einer unangenehmen Aufgabe zu beschäftigen, nämlich dem Verkauf unseres Autos. Überraschenderweise wurde es dann aber gar nicht so unangenehm, denn nachdem uns eine der Werkstätten ein gutes Zeugnis für unser Auto ausgestellt hatte beschloss ein Bekannter von uns aus Boulder das Auto einfach zu kaufen. Außerdem erlaubte er uns das Auto bis kurz vor unserem Rückflug noch weiter zu verwenden – es hätte also nicht besser laufen können – und so konnten wir uns nach wenigen Tagen gleich wieder auf den Weg ins nächste Klettergebiet machen. Zu der Zeit versprach der amerikanische Wetterdienst ein paar sonnige Tage in Shelf Road, einem kleineren Klettergebiet 3 Stunden südlich von Boulder. Der einzige Hinweis, der die Vorhersage etwas trübte, war eine 30% Wahrscheinlichkeit für etwas Schneefall. Nach zwei sonnigen Klettertagen wurde dann aus dieser Wahrscheinlichkeit eine Tatsache und unser Zelt, Tisch und auch das Auto wurden über Nacht mit 15 cm Neuschnee beschwert. Unsere halbstündigen Versuche das Zelt der Belüftung halber vom Schnee freizuhalten wurde zum Kampf gegen die Windmühlen, sodass wir letztendlich aufgaben und uns zum Schlafen ins Auto zurückzogen. Dem Zelt hat die Schneelast nicht so getaugt, was führte zu einigen teilweise auch großen Rissen im Außenzelt. So kamen nun noch weitere Tapestreifen hinzu und wir waren uns einig, dass dieser Flickenteppich wohl nicht mehr den Weg nach Hause finden wird. Für die nächsten Tage wurde dann kein zuverlässig gutes Wetter mehr gemeldet und mit weiteren Wahrscheinlichkeiten für Neuschnee wollten wir uns auch nicht mehr einlassen – Zeit weiter zu fahren.
Moe’s Valley Da es keine vielversprechenden, garantiert schneefreien Ziele mehr in Colorado zu geben schien, entschieden wir uns noch mal zurück nach Utah nach St. George zu fahren, um dort in Moe’s Valley noch etwas Bouldern zu gehen. Franzi und Dan waren dort bereits letztes Jahr unterwegs, als Piet noch an seine Krücken gebunden war, hatten damals aber nur einen kleinen Teil des Gebiets erkundet. Diesmal wollten wir uns dann auch den Rest des Gebiets ansehen. Die meisten Sandsteinfelsen hier befinden sich in einem kleinen Talkessel, von dem aus man, sobald man mal drin ist, kaum mehr was von der Welt außen herum, inklusive der nahen Siedlungen, mitbekommt. Viele der Boulder sind ziemlich überhängend und bieten teilweise auch ziemlich verrückte Griff- und Trittformen – manchmal kommt es einem dabei wie in der Boulderhalle vor. Die Absprungbereiche sind zudem meist ziemlich flach, sodass man auch mit zwei Pads meist hervorragend zurechtkommt. Das einzige Manko ist wohl die Felsqualität selbst die leider immer wieder zu wünschen übrig lässt. Wir fanden zwar viele super Boulder die sich auch gut klettern ließen, bei anderen mussten wir dann aber unseren zunächst positiven Eindruck revidieren, weil uns die teilweise hohlklingenden oder bröselig wirkenden Griffe zu sehr abschreckten. Am Ende waren wir aber trotzdem froh, die Strecke auf uns genommen zu haben – das kleine Gebiet war vollkommen ausreichend für die paar Tage und das Wetter ließ uns bis auf etwas zu viel Wind nicht im Stich.
Damit sind auch die letzten Wochen wie im Flug vergangen und die finalen Tage in Boulder haben wir mit Aussortieren (ja, auch in einem Auto sammelt sich alles Mögliche über die Monate hinweg an), Wegschmeißen, Saubermachen, Autoübergabe, Packen sowie mit Weintrinken und gutem Essen bei Freunden gefüllt. Ob wirklich alles, was wir mit zurück nehmen wollen in unser Handgepäck und die 4 weiteren Gepäckstücke passt?
Wir finden es super, dass ihr uns über unsere Blogeinträge hinweg begleitet habt, um so mehr freuen wir uns aber nun darauf, euch wieder zu sehen und zu hören, was wir zu Hause verpasst haben! Bis bald!





















Uli — 07.11.2019
Ich denke das war nicht nur für euch eine Erfahrung, sondern auch für mich (uns) immer wieder inspirierend. Meinen Neid kann ich ja jetzt wieder in die Truhe auf dem Dachboden packen ;-). Ich wünsche euch eine gute "Resozialisierung". Ich hoffe man sieht sich mal in good, old Germany.
Madlen — 07.11.2019
Ich habe zwar nie etwas kommentiert, aber immer genauestens gelesen und angeschaut! :o) Freue mich, das ihr eine tolle Zeit hattet und gesund und munter nach Deutschland zurückkehrt!!!
Sebastian — 08.11.2019
Welcome back! :-) Die letzten Bilder sind wieder der Hammer. Wunderschöne Gegenden und Erlebnisse. Wie sagt man so schön: good time flies! Rückblickend ist es immer wahnsinn, wie schnell die tolle Zeit vergangen ist. Liebe Grüße Sebastian
melli — 08.11.2019
So sehr ich eure Berichte geliebt habe, ich freue mich riesig, euch bald wieder zu sehen! Großen Respekt an euch beide! Eure anfängliche Sorgen, ob man echt so einen Blog schreiben soll, und hat man da überhaupt Lust, liest das denn einer...es war immer ein wares Vergnügen und trotz der großen Entfernung hat es sich nie angefühlt, als wärt ihr auf Nimmer-Wiedersehen verschwunden. Danke, dass ihr uns an eurem Abenteuer habt teilhaben lassen!
Bine — 10.11.2019
Euer Blog ist großartig geworden! Alle Einträge einfach so mitreißend und schön und Mega tolle Bilder! Danke dafür! Und bis bald :-)
Jörg — 11.11.2019
Im letzten Blog fand ich die Dünen so cool. Ich dachte zunächst Ihr macht nenn kurzen Trip zum Strand :-) Die Bilder waren Toll! Ich hatte es immer sehr genossen zu "stöbern". Zudem ist es für die Zeit danach, ein tolles Tagebuch für Euch. Es wird Zeit sich wieder mal zu sehen. Bis dahin LG