Klettern im Valley
09.05.2019
Nachdem wir in Indian Creek erste Erfahrungen im Rissklettern gesammelt hatten, wollten wir diese nun an größeren Wänden und längeren Touren auf die Probe stellen, nämlich im Yosemite Valley. Um dort hinzugelangen mussten wir aber erst einige Fahrstunden zurücklegen, bzw. sogar noch ein paar Zusätzliche, da um diese Jahreszeit die Pässe über die High Sierra noch unter Unmengen von Schnee begraben liegen. Die an sich acht-stündige Tour haben wir dann sogar noch um einen weiteren Umweg erweitert, um uns unterwegs den Sequioa National Park anzusehen. Letzten Herbst haben wir dort schon einmal vorbeigeschaut, wurden aber damals vom dortigen Regen und der Schneekettenpflicht wieder verscheucht. Inzwischen ist hier aber der Frühling angekommen und hat die Straßen freigeschmolzen, bzw. zumindest nicht die Räumarbeiten behindert.
Nach einer Nacht vor dem Park machten wir uns am Morgen auf den Weg zu den dicken Sequioa-Bäumen. Laut dem Visitor Center sind diese Bäume ziemlich gnerschig was die Bodenqualität, Temperatur und die Niederschlagsmenge betrifft, sodass sie letztendlich nur in relativ eng umgrenzten Gebieten gedeihen. Zumindest für den Frühjahrbesucher sind diese Ansprüche nicht direkt vorteilhaft, denn sobald man die entsprechenden Höhenlagen mit dem Auto erklommen hat, steht man dann doch wieder im Schnee. Die Bäume sind ja aber groß genug, sodass sie selbst mit Schnee nicht zu übersehen sind.
Entlang des General’s Highway, welcher einmal durch den Park führt, haben wir uns aber trotz Schnee einen guten Eindruck vom Park machen können. Jenseits der Parkgrenze ging es dann wieder steil bergab ins San Joaquin Valley, an dessen Ostseite wir weiter in Richtung Yosemite Valley gefahren sind. Leider hat die ganze Fahrerei etwas länger gedauert und wir konnten nicht standesgemäß mit dem Sonnenuntergang ins Valley einfahren – aber man kann eben auch nicht alles haben. Angekommen auf unserem Campingplatz haben wir dann nur noch unser Zelt aufgestellt und uns aufs Ohr gehauen, um dann am nächsten Tag bei Regen aufzuwachen. Tags darauf hat es dann gleich noch mal geregnet und statt klettern war damit erst mal rumsitzen (und Indian Creek Blogeintrag schreiben) angesagt.
Anders als in Indian Creek bestehen die Felsen im Yosemite National Park nicht aus Sandstein, sondern aus Granit – und saugen sich damit nicht mit dem ganzen Regenwasser voll. Etwas Wind und etwas Sonne genügen üblicherweise schon und man kann abseits der Wasserläufe und –rinnen schon wieder mit dem Klettern beginnen. Neben den hervorragenden, wasserabweisenden Felsoberflächen beherbergt das Yosemite Valley (und auch der Rest des Parks) auch einige ganz besonders große Exemplare an Granitklötzen – allen voran den El Capitan und den Half Dome – zwei besonders begehrte Kletterziele. Diese werden üblicherweise mit einer Mischung aus freiem und technischem Klettern bezwungen, wovon wir uns während unseren Aufenthaltes zunächst erst mal nur mit ersterem beschäftigen wollten. Das heißt, wir wollten möglichst viele Seillängen klettern, welche mit selbst mitgebrachten Sicherungsmitteln abgesichert werden müssen – wollten aber zeitgleich die Zwischensicherungen nicht als Hilfsmittel zum Klettern verwenden (das wäre dann eher technisches Klettern gewesen).
Während der ersten Tage tingelten wir also mit unserem ganzen Metallkram los und versuchten uns an die Felsen bzw. an die Kletterei darauf zu gewöhnen. Franzi stieg in dieser Zeit ihre ersten Seillängen im Yosemite vor und ‚baute’ die ersten Standplätze indem sie Bäume in der Wand mit Schlingenmaterial umwickelte. Piet dagegen stellte fest, dass die ganzen in der Erinnerung ‚einfachen’ Touren teilweise gar nicht so einfach waren oder aber einen gehörigen Gruselfaktor hatten. Mit der Zeit kamen dann aber auch ein paar Erfolgsmomente dazu, in die man zumindest eine kleine Verbesserung seit dem letzten Besuch interpretieren kann. Während unser ersten Woche haben wir auch einige andere Kletterer kennen gelernt, allen voran einen Kerl der am Wandfuß auf 2 Meter Raum dauernd hin und her traversiert ist und die ganze Zeit etwas von „Friction“ gebrabbelt hat: Robert.
Robert war alleine im Valley und wollte sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls an den Fels gewöhnen. Neben diesem hatte er aber auch noch ambitioniertere Ziele – er wollte nämlich eine der Big Wall Touren klettern (Big Wall heißt, dass man üblicherweise mindestens einmal in der Wand übernachten muss, um ganz hoch zu kommen). Gerne würde er auch eine Big Wall wiederholen, die er schon gemacht hatte, denn einige davon kann er schon auf seinem Konto verbuchen. Zum Beispiel die Westseite des „Leaning Tower“. Er hatte zufällig auch schon mal eines der benötigten Seile zum Wandfuß hochgeschleppt und dort deponiert. Und auch alle Steinmännchen auf dem Pfad zur Wand wiederaufgebaut. Klingt alles ganz verdächtig konkret… Auf jeden Fall bot er uns an, dass wir eben jene Tour ja auch zusammen klettern könnten, denn Big Wall klettern lernt man am Besten in der „Big Wall“. Ob es wirklich diese Route sein musste war uns nicht so klar, denn offenbar ist die Wand von unten bis oben überhängend, was bedeutet, dass man im Seil sitzend von der Wand wegpendelt und dann jede Menge Luft unter dem Hintern hat.
11 Pitches of overhanging exposure! A continuously steep and strenuous route with some of the best exposure around. The route is technically easy, but can be mentally wearing due to the nature of the climbing. From the very start there is instant exposure. An awesome wall to cut your teeth on.
- Routenbeschreibung auf Mountainproject.com
Nach 2 Tagen Bedenkzeit, viel Internetrecherche zum Leaning Tower und einigen zusammen gekletterten Klettermetern haben wir uns von Robert und der Gelegenheit, es einfach mal ausprobieren zu können, mitreißen lassen und haben zugesagt. Unser Frei-Kletter-Plan war damit erst mal ad acta gelegt und durch eine Kurzschulung im Big-Wall-Klettern ersetzt worden. Neben den uns bisher bekannten Friends und Keilen verwendet der Big Wall Kletterer nämlich eine wesentlich größere Trickkiste: Steigklemmen, Seilrollen, Ball-Nuts, Sky Hooks, Cam Hooks, Talons oder Peckers. Und laut der Routenbeschreibung wurde einiges davon in unserer geplanten Tour ‚abgefragt’. Glücklicherweise besaß Robert praktisch alles davon und wir mussten nur unsere persönlichen Sicherungsgerätschaften und Seile beisteuern. Nachdem die Franzi dann auch noch eine weitere Trittleiter sowie 2 Steigklemmen erworben hatte, waren wir ‚gerüstet’.
Nach einigen Übungsrunden war es dann am 22. April soweit. Das Weckergebimmel um 5 Uhr kündigte an, dass es jetzt ernst werden würde und nachdem wir unsere Erdnuss-/Walnussbutter-Marmelade Sandwiches für die nächsten zwei Tage vorbereitet hatten, ging es auch schon los zum Einsatzort. Robert holte uns ab, fuhr uns zum Parkplatz an den Bridal Veil Falls und wir begannen zu dritt den Aufstieg. Mit einer gesunden schauen-wir-mal-ansonsten-drehen-wir-halt-um-Einstellung legten wir den ausgesetzten Quergang zum Einstieg der Tour zurück und Piet begann mit dem Vorsteigen der ersten Seillängen. Der Plan sah vor, dass Piet die ersten vier Seillängen bis hin zur Ahwahnee Ledge vorsteigen sollte (Anmerkung: Das Luxushotel im Yosemite hieß bis vor kurzem noch „The Ahwahnee“). Zum Reinkommen war die erste Seillänge gleich ziemlich gut geeignet, da es sich zu großen Teilen um eine Hakenleiter handelt, wenn da nicht die zwei ‚Hook-Stellen’ wären. Robert hatte bereits herausgefunden, dass man entsprechende Stelle wohl mit Peckers und Skyhooks klettern können müsste, und trotz knirschendem Fels war dem dann auch so. Franzi hatte das Vergnügen mit dem Nachsteigen zu beginnen und kam sofort in den Genuss der Ausgesetztheit. Wegen der Querung in die steile Wand (bis hin zum Einstieg) brachten die herausgenommenen Zwischensicherungen häufig einen aufregenden Seilpendler mit sich. Der Dritte im Bunde, Robert, konnte dies dann noch mehr genießen. Somit hatte das Vor- sowie Nachsteigen seine eigenen Herausforderungen.
Abschluss des ersten Vorstiegsblocks war eine gruselige Aussteigsplatte. welche direkt in der Ahwahnee Ledge mündete, und ziemlich zeitgleich war dann auch das letzte Quäntchen Vorstiegswille bei Piet aufgebraucht. Nachdem der Haulbag, liebevoll auch das ‚Schwein’ genannt, auch bis zur Ledge hochgezerrt war, konnte Piet sich erst mal erholen während Franzi und Robert am fixierten Seil mit den Steigklemmen hinterherstiegen (Anmerkung: Der Haulbag ist die Reisetasche des Bigwall-Kletterers). Nach einer ausgiebigen Pause (wir glaubten gut in der Zeit zu sein), begann der zweite Teil des Kletterprogramms: Robert’s Vorstieg der fünften und sechsten Seillänge. Vor allem an erstere hatte er unangenehme Erinnerungen – meisterte die Seillänge aber sicher und problemlos, sowie auch eine weiteren Freikletterteil mit Slopern (abschüssigen Griffen) und letztendlich auch die sechste Seillänge. Einziges Manko: unser Zeitmanagement. Denn als Piet es endlich zum Standplatz nach der sechsten Seillänge geschafft hatte war es bereits dunkel und wir waren nicht mehr viel mehr als 3 mit Stirnlampen erhellte Flecken in der Wand. Zeit zurück zur Ahwahnee Ledge abzuseilen… doch nach 50 Metern abseilen befand sich erhofftes Band nicht unter uns, sondern gute 10 Meter zu unserer linken. Mit dem letzten Mut wurde noch ein spannender Seilpendler durch die Dunkelheit vollführt und damit war der Tag dann endgültig beendet. Es folgte nur noch das Abendessen (hartgekochte Ostereier mit Senf, Sandwiches und Wein bzw. Half-Dome Bier) und danach ging es direkt, immer noch angeseilt, in die Schlafsäcke.
Am nächsten Morgen hatte Franzi bereits eines ihrer großen Urlaubsziele erreicht: In der Wand übernachten. Offenbar hat das bei ihr auch sehr gut geklappt (obwohl sie auf der „Klippenseite“ geschlafen hat) – Robert und Piet haben sich hingegen nicht so richtig erholt gefühlt. Aber vielleicht lag das ja an der Aussicht, dass auch an diesem Tag wieder im Überhang gearbeitet werden musste, um der Wand wieder zu entkommen. Nach einem knappen Frühstück ging es dann für uns drei am fixiertem Seil mit den Steigklemmen zum Anfang der siebten Seillänge hoch. Am Vorabend hatten wir ausgemacht, dass Piet wieder mit dem Vorsteigen anfängt und unter Vorbehalt bis zum Beginn der 10. Seillänge klettert. Vorbehalt deshalb, weil er keine Lust auf eine weitere Gruselplatte hatte – aber die gab es diesmal dann zum Glück nicht. Stattdessen ging es an Rostgurken (alte Schlaghaken), auf Ewigkeit verklemmte Klemmkeilen (und deshalb zurückgelassen) sowie selbst gelegten Friends durch überhängendes Gelände. Einige Stunden später erreichten wir endlich den Standplatz vor der 10. Seillänge und wechselten noch einmal den Vorsteiger. Piet’s mentale Kapazitäten waren bereits zu einem guten Teil verzehrt und Robert übernahm es, uns auf den Gipfel zu führen. Vorbei an einigen kniffeligen Stellen kletterte er zum zehnten Standplatz und richtete uns sogar ein Fixseil für die elfte und letzte Seillänge bis zum Gipfel ein, während wir noch die zehnte Seillänge nachstiegen. Auch an diesem Tag verflogen die Stunden einfach nur und wir fanden uns letztendlich erst mit dem Sonnenuntergang auf dem Gipfel. Schnell noch ein Bild gemacht und damit sollte es nahtlos ins Abseilen übergehen…
Irgendetwas musste ja noch schief gehen – uns blieb prompt das Seil hängen und da standen wir dann nun an einer ollen Sanduhr (Felsformation, um die Schlingen gelegt werden können), inmitten einer riesen Granitplatte in den letzten Minuten Tageslicht. Robert legte nach kurzem Überlegen ausgerüstet mit Stirnlampe und einem weiteren Seil los und konnte das verklemmte Seil zum Glück befreien – aber der Zeitverlust war dann doch etwas lästig. Vor allem da es nun wirklich dunkel wurde. Nach den insgesamt ersten 100 Abseilmetern erreichten wir einen Sattel hinter dem Leaning Tower und mussten dort die Fortsetzung der Abseilpiste finden. Schneeblöcke, Wasser und potentielles Abklettern verhinderten dann letztendlich aber, dass wir die nächsten Bohrhaken zum weiteren Abseilen entdeckten. Während Piet noch abseilte trafen Franzi und Robert bereits die einzig richtige Entscheidung. Wir hatten noch genügend Wasser und noch einige Müsliriegel – lieber noch einmal biwakieren und dann im Tageslicht weitermachen. Mit einer aufgeschnittenen Wasserflasche konnten wir zudem noch jede Menge Schmelzwasser direkt von den Schneebergen zapfen, sodass an diesem Abend keiner durstig ins Bett musste.
Das Abseilen war am nächsten Morgen kein Problem, und selbst ein weiteres verklemmtes Seil hat uns nicht mehr aufgehalten. 250 Meter tiefer fanden wir uns kurze Zeit später wieder am Einstieg und vertilgten unsere letzten Lebensmittel sowie die Weinreste und die zwei weiteren Bier, welche Robert hier oben für uns deponiert hatte. Danach begannen wir den restlichen Abstieg – mit jedem weiteren verlorenen Höhenmeter fiel die Anspannung immer mehr ab, bis wir eine weitere Stunde später endlich zurück am Auto ankamen. Alles Kletterzeug wurde abgeworfen und schnell im Kofferraum für hoffentlich eine ganze Weile versenkt. Nach fast 48 Stunden im Klettergurt und dem ganzen Abgeseile wollte erst mal keiner mehr den Krempel sehen!
Fast forward – inzwischen sind einige Tage vergangen und wir haben uns von den Strapazen wieder einigermaßen erholt. Robert verglich das Big Wall Klettern mit dem Straßenbau und wir stimmen zu. Gefühlt ist man wirklich den ganzen Tag am Arbeiten. So ganz im Klaren, wie wir mit dieser Kletterdisziplin weitermachen, wissen wir noch nicht – aber dafür müssen wir ja nur abwarten. Robert hat sich inzwischen auf den Heimweg gemacht, hat uns aber seine Gerätschaften zum Nachholen des Haulbags sowie das dafür benötigte Statikseil hiergelassen. Wer weiß was er sich dabei gedacht hat...
Während diese Zeilen geschrieben werden sitzt gerade unser nächste Besucher im Mietwagen und eilt von San Francisco ins Yosemite Valley. Bis diese Zeilen online sind wird er vermutlich schon hier angekommen sein, aber davon schreiben wir dann erst beim nächsten Mal. Wir freuen uns auf zwei grandiose Wochen mit: Thomas!





















Bine — 10.05.2019
Großartige Zeilen! Der Wahnsinn! Und wie hoch das ist?!?! Krass! Ich habe wieder jedes Wort verschlungen und fühlte mich dabei direkt mit euch im Abenteuer! Franzi, wenn du wieder da bist, gehen wir auch mal in den Fels!
Sebastian — 10.05.2019
Wow! Ich bin beeindruckt. Was für ein Erlebnis und tolle Bilder. Man sieht euch richtig an wie stoked ihr seid. Liebe Grüße aus Japan, Seb.
Basti — 11.05.2019
Mega! Und ich sitz hier und hab vom Lesen schwitzige Hände...
Robert — 11.05.2019
Hi meine Lieben, hoffe euch Ende des Jahres in Pfaffenhofen oder München zu treffen. Habe im Flieger noch unseren Big Wall in eine Präsentation reigequetscht, die ich tagsdrauf gehalten habe und am Montag werde ich in meinem Leitungsteam dazu einen Impulsvortrag als kickoff für ein jobmäßiges Idealszenario präsentieren. Willkommen in der Zivilisation. Während unserem. Bigwall mit euch beiden war ich so fokussiert und ruhig wie schon seit Jahren nicht mehr, thx, cu, take care. Rob (old school :-))
Uli — 12.05.2019
Nicht nur die Bilder sind excellent, sondern auch die Texte. Spannend...
Jörg — 20.05.2019
Hi, der Schlafplatz im Fels - einfach herrlich. Ich hab mir dieses Bild nun ca. 10mal angesehen und muss festellen, dass ich da 2 Wochen kein Auge zudrücken würde :-) Good luck und vor allem keine Alpträume. LG