Squeamish in Squamish
20.07.2019
Nach über sechs ereignisreichen Wochen ist nun auch unser Aufenthalt in Squamish zu Ende gegangen und wir sind nun wieder mit einigen Zwischenstopps unterwegs zurück nach Colorado. Hier unser Rückblick:
Die ersten Tage waren, wie auch sonst im Nordwesten der USA, stark geprägt von Regen – ein super Anlass unser gegenseitiges ‚Ostergeschenk’ einzulösen: ein paar Nächte in einer Unterkunft mit Sofa, Backofen und Wifi, um die neueste Staffel von Game of Thrones nachzuholen. Mit einem festen Dach über dem Kopf konnten wir auch gleich wesentlich entspannter die Trockenperioden zu Kletterversuchen nutzen – denn wir konnten ja danach auch alles problemlos zum Trocknen aufhängen und warm Duschen!
Anschließend sind wir auf den Campingplatz im Schatten des Stawamus-Chief, des zweitgrößten Granitmonolithen der Welt, gezogen und haben uns dort heimisch eingerichtet. Leider gab es keine Bänke mit Tisch, wie wir es von den Campingplätzen in den USA gewohnt sind und mussten wegen den hier umherstreifenden Schwarzbären auch immer wieder alles ins Auto verräumen. Dafür haben uns die Chipmunks und ab und dann eine Maus unseren Küchenboden immer sauber gehalten und wir konnten uns hinter unserem Platz im Wald eine Dusche einrichten – an vielen Tagen hier war es nämlich ziemlich ziemlich heiß. Auch der Schwarzbär hat tatsächlich abends mal vorbeigeschaut und ist über die kleine Wiese neben unserem Zelt marschiert, bis er von unseren Nachbarn mit Pfeifen, Pfannenschlagen und Feuerwerkskörpern vertrieben wurde.
Die Stadt Squamish betitelt sich selbst als ‚Outdoor Recreaton Capital of Canada’ und wird als solche leider auch sehr stark besucht. Regelmäßig am Wochenende spült es Unmengen von Leuten aus dem Süden, aus Vancouver, hoch in Richtung Squamish, die hier Kitesurfen, Windsurfen, Mountainbiken, Gleitschirmfliegen, Wandern oder Klettern wollen. Und selbst beim Klettern hat man dann noch die Auswahl zwischen Bouldern, Sportklettern oder Trad-Klettern, wobei wir uns für letzteres entschieden haben. Und selbst hier konnten wir uns noch entscheiden, ob wir nur Einseillängen-Touren klettern oder aber hoch hinaus wollten.
Eine wichtige Motivation für unseren Besuch in Squamish war unser Trad-Kletter-Können weiter auszubauen, und dafür sind hier die Voraussetzungen ziemlich gut. Verglichen mit anderen Gebieten gibt es hier nämlich, wie man es vom Sportklettern her kennt, Felsen an denen eine Trad-Tour neben der anderen ist. Das ist vor allem deshalb besonders, weil diese Touren ja üblicherweise Felsstrukturen folgen, welche auch eine Absicherung erlauben, wie zum Beispiel Rissen. Das einzige andere Gebiet welches uns einfällt, in dem so viele qualitativ hochwertige Touren auf engem Raum, oder gar nebeneinander, zu finden sind, ist Indian Creek, aber da wäre es im Sommer viel zu heiß. Außerdem findet man hier bei fast allen Einseillängen-Touren auch einen Umlenker mit zwei Haken, den man sogar häufig zu Fuß erreichen kann um sich ein Toprope einzuhängen – zum Lernen ists hier also wirklich ideal.
Aber mit guten Voraussetzungen ist erst mal noch gar nichts erreicht – Erfahrung mussten wir trotzdem selbst sammeln. Weil das Ganze dann auch noch mental recht anstrengend war, musste dem inneren Schweinehund dann noch etwas in Form von einer kleinen Todo-Liste auf die Sprünge geholfen werden. Beide überlegten wir uns, was wir gerne geklettert haben wollten bevor wir Squamish wieder verlassen würden – und was aus der Liste dann wurde kann sich sicherlich jeder vorstellen. Die Liste an Begründungen weshalb dieses oder jenes in irgendeiner Situation gerade nicht möglich gewesen ist wäre bestimmt länger als die ursprünglichen Todos.
Am Ende hatten wir dann aber trotzdem über 30 Tage an den Felsen verbracht und den Großteil unserer Liste abgearbeitet. So haben wir in Einseillängen in den Smoke Bluffs mehr und mehr Routine in den leichteren Graden erhalten und unser Squeamish-Niveau ein klitzekleines bisschen nach oben versetzt und uns mutig in die nächst schwierigeren Touren gewagt. Ebenso konnten wir uns austoben, was die Erschließung neuer Risskletterfähigkeiten angeht: Von Fingerlocks und sogenannte „Thin Hands“-Rissgrößen über „Wide Hands“ und faustgroßen Rissen bis hin zu den „offwidth“-Größen (Ellbogenklemmer, Knieklemmer, „Chicken Wings“) und dem nach wie vor sehr beliebten Kamin. Um die dementsprechend besten Hand- und Fußtechniken für die jeweilige Rissgröße zu erkennen, haben wir uns ein von anderen Kletterern empfohlenes Rissklettertechnik-Buch gekauft, welches eifrig studiert wurde. Zusätzlich haben wir unseren Totem-Bestand ein wenig aufgestockt, damit wir uns wirklich immer, wenn wir wollen, insbesondere in den wirklich engen Rissen, eine verlässliche Sicherung legen können. Ebenso haben wir unseren Klemmkeilbesitz ausgebaut, indem wir fleißig von anderen Kletterern in der Route zurückgelassene Keile aufgesammelt haben. Wir sind anscheinend soviel geklettert, dass der Piet in seinen Risskletterschuhen Löcher entdeckt hat, weswegen wir uns natürlich beide mit neuen La Sportiva TC Pros (das steht bestimmt für Trad Climbing Profi!) ausstatten mussten.
Mit all unserem neuen Wissen und der neuen Ausrüstung haben wir uns dann in die Mehrseillängentouren bei den Shannon Falls, Mount Chek und dem Chief gewagt. Wir haben mit 4 oder 6 Seillängen angefangen und dann Touren mit 9 Seillängen absolviert. Am vorletzten Tag in Squamish haben wir den First Peak des Chiefs mit einer Verbindung von 3 einzelnen Touren erklommen und damit 15 Seillängen im Riss an einem Tag geschafft – unser neuester Rekord und vor allem auch eines der großen Ziele für unseren Squamish Aufenthalt! Natürlich sind wir aber auch hierbei „squeamish“ geblieben – denn unsere Standardausrüstung an Absicherungsmöglichkeiten umfasst fast mehr als das doppelte der jeweiligen Empfehlung im Buch. Natürlich haben wir auch hierfür die entsprechende Rechtfertigung, denn beim technischen Klettern, was wir für Yosemite brauchen, hat man ja schließlich Unmengen an Material dabei und man muss sich ja schließlich irgendwann an das Gewicht gewöhnen… An diesem Abend haben wir mit Bier und Apfelcider auf unsere müden Beine, Arme und Schultern angestoßen. Am nächsten Tag ging dann nicht mehr so viel an der Wand und wir beschlossen ins Recreation Center zu fahren um dort im Schwimmbad, im Hottub und in der warmen Dusche unseren Squamish Aufenthalt ausklingen zu lassen.





















Uli — 08.08.2019
Gut das ich eine Nachschlagefunktion im Browser habe, dass erlaubt mir euch zu folgen :-) Wie immer sehr lesenswert und auch für das Auge wird etwas geboten. Viel Spaß weiterhin.
Peter F. aus B. am A. — 08.08.2019
Wie jetzt!? Long time no See! Hier bei uns sind wir jeden Tag am See ;) Miss you!
Vincent — 10.08.2019
Sehr nice! Viele Grüße aus dem gerade regnerischen Franken.
Sebastian — 10.08.2019
Schön zu lesen dass es euch gut geht. Nach Canada will ich auch mal. :-)
Bine — 12.08.2019
vielen lieben Dank für den tollen neuen Eintrag! War mein Highlight des Tages! Grüße