Klettern in der Red River Gorge
20.11.2018
Nach der super Zeit im Ten Sleep Canyon war unser nächster Stopp die Red River Gorge in Kentucky. Kentucky liegt nicht ganz in der Nähe von Wyoming, bzw. eigentlich fast auf der anderen Seite der USA. Um dort hinzukommen wollten erst die Staaten South Dakota, Wisconsin, Minnesota, Illinois und Indiana durchquert werden, bis wir, endlich, nach 3 Tagen Fahrt und einer Übernachtung auf einem Walmart Parkplatz an unserem neuen Campingplatz namens „Miguel’s Pizza“ ankamen. Zum Vergleich: Fahrtzeit-technisch entspricht die Fahrt ungefähr der Strecke von Erlangen bis nach Gibraltar. Auch Franzis Finger hatte damit genug Zeit, um zu verheilen.
Miguel’s Pizza scheint in der Red River Gorge das religiöse Zentrum der Kletterwelt zu sein. Jedes Wochenende wird der Campingplatz mit „unlimited Campingspace“ von Kletterwütigen, deren Hunden und deren Krach, überrannt. Selbst alle Anfahrtsbeschreibungen im Kletterführer beginnen mit ihren Distanzangaben am Parkplatz der dortigen Pizzeria. Aus Ermangelung an Empfehlungen und dem Wunsch, das Ganze auch mal zu erleben, ließen wir uns also dort für die nächsten vier Wochen nieder.
Nach kurzer Umfrage aller Sir-Henry-Reisenden stellte sich heraus, dass wir praktisch niemanden kennen, der Kentucky schon besucht hatte. Deshalb hier zunächst ein paar Worte zum Pferde & Bourbon Staat der USA (basierend auf unseren Eindrücken).
Die Region um die Red River Gorge ist zunächst einmal sehr hügelig, vielleicht vergleichbar mit der Region um Pottenstein. Allerdings gibt es hier keine lichten Buchenwälder, sondern einfach nur Dschungel! Sehr dichten Dschungel, bei dem die Lücken mit Efeu-artigen Ranken zusätzlich abgedichtet sind. Die Bevölkerungsdichte ist auch hier nicht sonderlich hoch (wesentlich höher als in Wyoming, aber wesentlich niedriger als rund um Pottenstein!), was auf der einen Seite sehr schön ist, aber auf der anderen Seite bedeutet, dass man sich häufig mit schlecht gewarteten Schotterstraßen konfrontiert sieht. Für diese Straßen soll man laut Kletterführer am Besten mit Allrad-Gefährten anreisen – was wir ja glücklicherweise auch sind. Unser Henry hat sich auf jeden Fall nicht sonderlich ins Zeug legen müssen und meisterte alle Hänge und Schlaglöcher ohne uns zu verraten, ob er nun in den 4-Rad Modus wechseln musste oder nicht. Eine Ausnahme gab es dann aber leider doch: Ein seltsames metallisches Geräusch, welches vor allem bei Unebenheiten vorne links im Radkasten zu hören war. Der lokale Auto-Magier konnte dessen Quelle jedoch lokalisieren und ließ es durchs Festziehen einer Schraube verschwinden.
Die Tierwelt ist weniger spektakulär als im Westen – was eventuell auch an der Jahreszeit liegt. Ein Tier gab es allerdings in ganz besonders hoher Anzahl, zum Spaße aller sogar den lieben langen Tag lang: die immer gern gesehene Moskito-Fliege. Sogar während dem Klettern umschwirrten sie uns und taten sich gütlich. Spätestens mit dem Temperatursturz Mitte Oktober wurde dies allerdings besser. Auch alle Schlangen, die sich noch in den ersten Tagen vor uns weggeschlängelt haben, waren dann im Winterschlaf, und auch von den gruseligen Langustentieren, welche bei Dämmerung auf dem Campingplatz unterwegs waren, hat sich ab der zweiten Woche keines mehr blicken lassen. Interessant waren die verschiedenen Molcharten, denen wir begegnet sind. Auch eine letzte kleine Schildkröte ist uns begegnet, wahrscheinlich auf dem Weg zum Überwintern. Ansonsten gibt es natürlich unendlich viele Rehe und außerdem auch eine Vielzahl an Waschbären (von denen leider nur die Franzi ein lebendes Exemplar gesehen hat, als es unseren Abfall durchstöbert hat).
Klimatechnisch gibt es hier das volle Programm, mit der Ausnahme, dass es NIE perfekt ist (mimimi). Als wir hier ankamen, hatten wir Tag und Nacht gefühlt 30°, sodass unsere Schlafsäcke schlichtweg obsolet waren. Verfeinert wurde die Wettersituation durch die hohe Luftfeuchtigkeit, die mit jeder Sauna mithalten kann, was Unmengen von Tau zur Folge hat, der sich sowohl im und auch außerhalb des Zelts über die Nacht angesammelt hat. Auch beim Klettern freute uns das: Schmierige Finger, Schweißtropfen in den Augen und ständig das Gefühl, sofort unter eine kalte Dusche hüpfen zu wollen. Kurzum: So geschwitzt haben wir noch nie beim Klettern! Zu dieser Zeit sind uns sogar zwei unserer Holzkochlöffel verschimmelt, weil sie über mehrere Tage hinweg einfach nicht trocken wurden… (Danke an Flo für den neuen Pfannenwender!). Danach wurde es, wie soll es anders sein, schlagartig so kalt, dass wir von kürzest-möglichen Klamotten auf lange Unterwäsche und Daunenjacken wechseln mussten. Aus dem Tau wurde dadurch lediglich Raureif, bzw. Eis im Zelt. Anmerkung der Redaktion: Beschreibung gilt hauptsächlich für die erste Hälfte. In der zweiten Hälfte war es insgesamt etwas freundlicher.
Natürlich haben wir versucht, dieser Situation auch einigermaßen Herr zu werden. Zum Beispiel haben wir auf dem Campingplatz eine ungenutzte Bank „gefunden“. Praktisch war hier auch unser Tarp, welches wir mit weiteren „gefundenen“ Baumaterialien immer besser über unserer Sitzgelegenheit ausrichten konnten. Hinzu kamen diverse Laufplanken, um die nach jedem Regensturz wiederkehrenden Pfützen zu überbrücken und um Matschfelder abzudecken. Dan’s altes Zelt wurde schnell als „Supply“-Zelt etabliert und erleichterte die „trockene“ Lagerung von Lebensmitteln und anderem Krempel. Trocken ist hier bewusst mit Anführungszeichen versehen, denn irgendwie haben sich dann doch einige Gegenstände dem Schimmel hingegeben.
Bei vier Wochen auf demselben Campingplatz sollte dieser in der Beschreibung selbstverständlich nicht zu kurz kommen. Der Name „Miguel’s Pizza“ impliziert natürlich, dass es hier Pizza gibt – und die haben wir selbstredend auch mehrfach getestet. Zu den positivsten Ausstattungsmerkmalen gehört hier auf jeden Fall die klimatisierte „Zen Den“. Was eigentlich als Yoga-Raum gedacht ist eignet sich ganz ausgezeichnet zum Trocknen kondensations-geplagter Schlafsäcke. Weniger ausgereift ist die Situation der sanitären Anlagen. Bei zwei Toiletten sind hier am Morgen lange Wartezeiten bei mehreren hunderten Campern einzukalkulieren. Gespült wird hier übrigens etwas anders als zu Hause: Man stelle sich statt einem Wasserhahn eine Hochdruck-Gardena-Gartenbrause vor, mit der das Geschirr abgesprüht wird. Exotische Schwämme oder gar Geschirrspülmittel finden hier scheinbar keine Verwendung.
Natürlich gab es in der Red River Gorge nicht nur Unannehmlichkeiten. Unterm Strich hatten wir hier dennoch eine gute Zeit, an der zu einem großen Teil auch unser temporärer Mitstreiter Flo beteiligt war. Dieser hatte vorher seinen Leib in Griechenland auf Vordermann gebracht und uns danach für 3 Wochen in Kentucky besucht. Dessen hohe Motivation war für uns bestimmt auch noch mal zusätzlicher Antrieb, sich mit den teilweise nicht optimalen Bedingungen zu arrangieren und das Beste rauszuholen.
Geklettert wird hier im zuvor bereits erwähntem Dschungel an Sandsteinfelsen, welche sehr häufig überhängend sind. Das Klettermagazin Climbing stellt hierzu fest, dass das, was in Ten-Sleep als überhängend zählt, hier durchaus als Platte durchgehen könnte. Dieser Umstand hat vor allem anfangs die Suche nach angenehmen Touren erschwert - aber nach 3 Wochen war selbst das Aufwärmen in überhängenden Touren die übliche Vorgehensweise.
Generell ist der Charakter der Touren eher Ausdauerlasting – das heißt, die Einzelzüge sind meist nicht so furchtbar schwer, allerdings wird man irgendwann dann aber doch abgeworfen, weil die Unterarmmuskulatur einfach nicht mehr gehorchen will. Keiner von uns war bisher an vergleichbarem Gestein unterwegs, was uns während der ersten Wochen zu viel Demut bei der Routenauswahl gezwungen hat.
Verwaltet und vor den Interessen der Ölindustrie geschützt werden die Klettergebiete hier von mehreren Non-Profit Organisationen, wie zum Beispiel der „Red River Gorge Climbers Coalition“ oder den „Friends of Muir Valley“. Ähnlich wie in der Fränkischen wurde bei der Erschließung des Gebiets etwas mit der Anzahl der Haken geknausert, sodass das Klettern vieler Touren zumindest eine ordentliche Portion Entschlossenheit erfordert. Teilweise wird die Erschließung aber auch von den entsprechenden Verbänden in Form von zusätzlichen Haken gefördert, wie zum Beispiel im Muir Valley, was für uns ein klarer Vorteil dieser Gebiete war.
Glücklicherweise scheint hier außerdem das Vorhängen von Expressen mittels Clipstick Teil des üblichen Begehungsstiles zu sein. Während man zu Hause die „Armverlängerung“ nach flinkem Einhängen der Exen am liebsten wieder direkt im Rucksack verschwinden lassen würde, trägt hier bestimmt jede zweite Seilschaft stolz ihr Hilfsmittel in Form eines „Wanderstocks“ offen zur Schau.
Nach guten vier Wochen in diesem Klettergebiet hatten wir uns gefühlt sehr gut mit der Kletterei hier angefreundet und wollten noch unsere offenen Projekte beenden, bevor es weiter nach Utah zum Rissklettern gehen sollte. Nach der Aufwärmtour „Getting Lucky in Kentucky“ wurde diesem Plan dann aber leider sehr rabiat ein Riegel vorgeschoben, indem beim Klettern eine Kniescheibe dorthin wanderte, wo sie nichts zu suchen hat. Glücklicherweise hat sich Letztere gleich wieder dorthin bewegt, wo sie hingehört, aber der Schaden war leider trotzdem angerichtet. So konnten wir nach erfolgreicher „Bergung“ aus dem Gebiet auch direkt aus erster Hand erleben, ob es in den US-Amerikanischen Krankenhäusern wirklich so zu geht, wie es einem in den TV-Serien vorgegaukelt wird. Am Tag darauf haben wir dann auch kurzerhand das Lager in Kentucky abgebrochen und haben uns auf den Weg nach Moab in Utah gemacht. Ursprünglich wollten wir dort groß ins Rissklettern einsteigen, aber das musste jetzt erst mal einem Besuch beim Orthopäden weichen. Dieser erwartet nach erfolgter Heilung immerhin keine bleibenden Schäden – aber bis es soweit ist, werden erst einmal ein paar Wochen vergehen. Mehr dazu dann in der nächsten Episode vom Kletter-Road-Trip ohne Klettern...





















Uli — 20.11.2018
Gute Besserung!
Karin Mum — 20.11.2018
Es ist richtig aufregend Eure Erlebnisse so mitzuerleben und die Fotos dazu ,da wird es mir richtig schwindelig beim betrachten. Noch viele gute Begebenheiten bei Euern Touren Dan und Franzi , und beste Genesung für Piet !
Dieter Moll — 20.11.2018
Tolle Bilder!
Bine — 21.11.2018
Gute Besserung Piet! Wieder ein super toller Bericht euer tollen Reise!
Jörg — 22.11.2018
Hammer, ich lese eure Berichte immer sehr gerne und habe größten Respekt vor den "Wänden". Viel Spaß bei chillen in der Zwangspause. LG