Yosemite
Kalifornien, USA

Große Wände

18.10.2019

Da uns auf dem Weg von Denver zurück nach Kalifornien gerade noch rechtzeitig aufgefallen ist, dass unsere Campingplatzreservierung im Yosemite Valley doch erst einen Tag später anfängt als gedacht, haben wir kurzentschlossen einen Stopp in Tuolumne eingelegt, um dort auf den Cathedral Peak zu krabbeln und die idyllische Landschaft zu genießen. Beim Zustieg hatten wir Glück – wir konnten eine größere Gruppe japanischer Kletterer überholen, die dann erst nach uns eingestiegen sind und wir damit den ‚Japanese Caterpillar‘ hinter uns statt vor uns in der Wand hatten.

Kaum im Valley angekommen mussten wir unsere erweiterten Trad- und Risskletterkenntnisse testen – und tatsächlich gingen manche Routen definitiv besser als im Frühjahr. Allerdings gab es auch genug Touren und Seillängen, in denen uns der Fels aufs Höhnischste bewiesen hat, dass wir noch keine Meister aller Rissgrößen sind – und dass insbesondere Plattenstellen, die nicht abgesichert werden können, unsere Köpfe verrückt machen. Nichtsdestotrotz konnten wir viele Mehrseillängentouren, in die wir uns im April noch nicht gewagt haben, jetzt klettern und uns weiter an den Yosemite-Kletterstil gewöhnen. Die Anzahl an blauen Flecken, Schürfwunden, geschundenen Zehen und geschwollenen Handrücken stieg gefühlt überproportional im Verhältnis zu den gekletterten Touren. Dafür sind wir, wahrscheinlich insbesondere in Asien, mittlerweile ziemlich berühmt, da die Valley-Touristen hier Kletterer wohl als zusätzliches Naturwunder betrachten und eifrig fotografieren. Von Datenschutz hat hier noch keiner was gehört…

Neben dem Rissklettern im Yosemite-Granit haben wir versucht, uns auf die nächste Big Wall vorzubereiten. Neben den Friends und Klemmkeilen mussten nun erst mal wieder unsere Leitern, Daisy Chains, Steigklemmen sowie der gigantischen Haulbag inklusive Wall Hauler und Statikseil aus den Tiefen unseres Sir Henry geborgen werden und schließlich zum Fels getragen werden. Hier haben wir versucht, uns an all die Lektionen des Frühjahrs zu erinnern, die wir mit Robert im Leaning Tower gesammelt haben. Unser jetziges Ziel ist die Südwand der Washington Column. Diese thronte, gut sichtbar von unserer Campingplatzbank aus, auf der anderen Talseite, sodass wir beim Abendessen häufig die Stirnlampenlichter zählen konnten, die sich aus der Tour im Dunkeln abseilten. Auch konnten wir so jeden Abend raten, wie hoch die Auslastung des ‚Dinner-Ledge‘ (= die beste Schlafmöglichkeit in der Washington Column) ist. Entgegen der Annahme, dass es ja wohl nicht so viele Verrückte geben kann, die gerne in der Wand schlafen, ist dort nämlich, zumindest zur Kletterhauptsaison, immer ziemlich viel los und man muss um seinen Schlafplatz bangen. Dies ist übrigens nicht nur in der Washington Column so, sondern in sehr vielen beliebten Touren im Valley normal. So erleuchten nicht nur die Sterne und der Mond das Yosemite Valley abends, sondern auch all die Stirnlampen der Kletterer, die entweder noch in den den Wänden unterwegs sind oder es sich langsam an einem Punkt in der Wand für die Nacht gemütlich machen.

Fast wären wir dann auch zu Franzi’s Geburtstag in der Wand gewesen, dies hat ein bisschen Regen in der Wettervorhersage allerdings verhindert, sodass wir da noch eine Freiklettertour gemacht haben und abends schonmal die Big-Wall-Belohnungspizza getestet haben (die deswegen so etwas Besonderes ist, da die Valleypizza sich ziemlich gut bezahlen lässt). Am nächsten Tag wurden die Vorbereitungen dann konkret: 14 Liter Wasser wurden in halbe Gallonen-Milchflaschen und 2 Liter Mountain Dew-Flaschen, die wir seit Tagen gesammelt haben, abgefüllt und zusammen mit der ‚Lead Line‘ (= Seil, an dem der Vorsteiger gesichert wird) und der ‚Haul Line‘ (= Statikseil, an dem der Haulbag nach oben gezogen wird) den einstündigen Weg zum Einstieg getragen. Dann wurde das restliche Kletterzeug sortiert, der Haulbag gepackt, Checklisten durchgegangen, Eier abgekocht, Essenstüte vorbereitet, Stirnlampenakkus geladen, Flachmann mit Wiskey befüllt usw.

Im Dunkeln sind wir dann am nächsten Morgen gestartet, sodass wir ungefähr mit dem ersten Licht das Klettern anfangen konnten. Die ersten drei Seillängen liefen ganz gut, nur das Haulen war eine reine Freude im geneigten Gelände, sodass die Franzi unser ‚Schwein‘ an mehreren Stellen, an denen es feststeckte, befreien musste und Piet, der Hauler, ziemlich arbeiten musste. Ziemlich schnell war auch bereits eine zweite Seilschaft hinter uns, die allerdings ihr Portaledge dabei hatte, sodass sie keine Konkurrenz für die Schlafplätze auf der Dinner-Ledge bedeuteten.

Für die Begehung der Südwand der Washington Column gibt es zwei unterschiedliche Strategien: Nach den ersten 3 Seillängen kommt man auf dem Dinnerledge an, wo man auf zwei Felsvorsprüngen, die noch komfortabler sind als am Leaning Tower, schlafen kann. Hier kann man dann seinen Haulbag zurücklassen und fixiert für den nächsten Tag so viele Seillängen wie möglich, bevor man sich wieder zur Dinner-Ledge abseilt, dort übernachtet, und am nächsten Tag die zuvor fixierten Seillängen wieder mit den Steigklemmen nach oben juggt, die restlichen Seillängen klettert und am Ausstieg wieder zurück zur Dinner-Ledge abseilt, dort den Haulbag mitnimmt und auch die letzten 3 Seillängen abseilt – oder man hault den Haulbag komplett bis nach oben und trägt ihn dann eine Felsrinne rechts der Washington Column nach unten. Wir haben uns für erstere Variante entschieden.

Auf der Dinner-Ledge angekommen haben wir erstmal den Lunchbagel mit Aussicht verspeißt, bevor sich die Franzi ins berüchtigte Kor-Roof (= steilster Abschnitt der Tour, für uns nur über die Hakenleiter technisch bewältigbar, stärkere Kletterer können die V10 Boulderstelle links raus frei klettern) wagt. Während sie sich diese Hakenleiter im Dach hocharbeitete kam als zusätzliches Wandgimmick ein solcher Wind auf, dass die Trittleitern horizontal nach Osten wehten und man dauerhaft ein Orkanrauschen in den Ohren hatte, so dass keine Kommunikation mit dem Sicherer mehr möglich war. Dieser Wind ist wohl normal ab der Mittagszeit und blieb uns bis in die Abendstunden erhalten. Er war dann auch der Grund, warum die nächste witzige Stelle in der fünften Seillänge spannend wurde, da es hier ein Pendulum gab. Pendulum heißt, dass der Vorsteiger, der Piet, sich an der Pendulumsstelle ins Seil setzt, die Franzi ihn ablässt, und er dann, natürlich kontrolliert, das Schwingen nach rechts und links anfängt, bis er das nächste Risssystem auf der linken Seite erreicht und halten kann. Der Nachsteiger, beim technisch Klettern ja am fixierten Seil unterwegs, darf sich dann an dieser Stelle selbst ‚rauslassen‘. Solch ein Pendulum war für uns beide neu und da wir aufgrund des rauschenden Westwindes uns nicht akustisch verständigen konnten, etwas spannender als gedacht. Durchgebeutelt und durchgefroren haben wir dann bereits nach dieser fünften Seillänge die Seile fixiert, und sind nicht, wie ursprünglich geplant, bis zum Ende der sechsten Seillänge weitergeklettert.

Kaum dass wir auf der Ledge wieder Zugriff auf unseren Haulbag hatten, konnten wir uns warm einpacken und gemütlich Zuchininudeln, Buchweizenpatties und die Eier verspeißen. So ganz ohne viele Baumwipfel, Lagerfeuerrauch und Generatorenlärm war die Aussicht übers Valley gleich doppelt zu genießen. Letztendlich ist fast der komplette Trubel im Tal von den Bäumen verborgen, sodass den Ausblick wirklich nichts stört.

Am nächsten Morgen haben wir etwas gebraucht, bis wir aus unseren Schlafsäcken in die kühle Morgenluft gekrabbelt waren, und sind dann unser fixiertes Seil hochgejuggt – achja, danach war uns wieder ordentlich warm. Die nächsten 2 Seillängen waren fast ausschließlich technisch zu klettern, die erste war eine nach linksgebogene Traverse und die zweite ging über 50 Meter einen dünnen Riss entlang, der gerne Klemmkeile isst. Beide Seillängen waren durchaus kein Spaziergang, trotzdem waren wir leicht schockiert, als wir feststellten, dass wir dafür 5 Stunden gebraucht haben!! Mittlerweile war auch der Wind wieder da und uns wurde klar, dass wir die restlichen Seillängen nicht mehr bei Tageslicht schaffen würden und bei dem Wind im Dunkeln abseilen war uns zu risikohaft, sodass wir hier beschlossen, umzudrehen.

Kaum geduscht und bei der BigWall-Pizza sitzend haben wir uns natürlich gefragt, ob wir nicht hätten einfach mehr beißen sollen. Bereits der Erstbegeher hat ja erkannt, dass es ohne nicht geht:

The frightening five-inch crack above turned out to be the crux of the climb. We handled this grim section with the well-known technique of struggling.
- Layton Kor, Erstbegeher der Tour

Aber zuerst mussten wir uns einer anderen Herausforderung stellen: Unsere Reservierung für den Campingplatz lief aus und wir mussten versuchen am Camp 4, dem Walk-In-Campground im Valley, einen Platz zu ergattern. Im Frühjahr hat es hier noch gereicht, wenn man um 6:00 Uhr früh ankam und sich in die Schlange vorm Ranger-Office eingereiht hat – damit hatten wir diesmal keinen Erfolg. Also haben wir in der darauffolgenden Nacht in der Schlange übernachten müssen, um uns so zwei von 12 freien Plätzen am nächsten Tag zu ergattern.

Kaum das wir uns davon erholt hatten und uns in der neuen Bärbox häuslich eingerichtet hatten, haben wir uns erneut mit der Frage beschäftigt, ob wir nochmal in die Washington Column einsteigen wollen oder nicht – das technisch klettern macht uns einfach nicht so viel Spaß wie freies Klettern. Trotzdem konnten wir uns nicht vorstellen zu fahren, ohne es nochmal versucht zu haben. Und nachdem wir einige wirklich kalte Tage (und damit sehr kalte Nächte) abgewartet haben, ging die Vorbereitungsprozedur wieder von vorne los, allerdings mit Upgrade: diesmal kommt der kleine Benzinkocher mit aufs Dinner-Ledge, sodass wir Tee kochen können und ein warmes Abendessen möglich ist.

Beim zweiten Mal war tatsächlich noch mehr los in der Wand als das erste Mal – weswegen wir auch diesmal aufgrund langer Wartezeiten nur bis zur fünften Seillänge fixieren konnten. Anstatt mit 3 weiteren Leuten haben wir diesmal mit 7 anderen auf der Dinnerledge geschlafen – und wurden nachts zusätzlich von einem Ringtail (= ein nordamerikanisches Katzenfrett) besucht. Ein Ringtail kann anscheinend in der Wand wohnen, sieht ein bisschen aus wie eine Katze mit Lemur-Schwanz, der mit schwarz-weißen Ringen geschmückt ist, und ist in der Lage in einer Nacht 6 (!!) Blueberry-Bagel, das Frühstück der holländischen 3er-Seilschaft, zu verspeisen.

Diesmal sind wir am nächsten Tag früher los, mussten allerdings an den Ständen immer wieder darauf warten, dass die Seilschaft vor uns weiterkommt. Diesmal hatten wir für uns allerdings das Gefühl, schneller und effektiver unterwegs zu sein, sodass wir es dann auch gar nicht so schlimm fanden, dass wir auf die allerletzte Seillänge (brüchige Rinne) verzichteten, um zumindest bis zur Dinner-Ledge noch im Hellen abseilen zu können. Im Dunkeln sind wir dann die letzten Seillängen runter und die Stunde zurück zum Auto gelaufen, bevor wir es noch rechtzeitig vor Schließung zur Dusche und zur Pizza geschafft haben. Damit waren wir insgesamt 40 Stunden unterwegs und haben geschlafen wie zwei Steine.

Trotz des langen hin und her, ob wir noch mal in die Tour einsteigen sollen, war es die richtige Entscheidung und bildete einen wunderbaren Abschluss unserer Zeit im Yosemite. Damit wir bis zum nächsten Mal nicht vergessen was uns dort im Valley für Widrigkeiten erwarten, haben wir uns schon mal eine kleine Anforderungsliste geschrieben. Jene gilt es zu erfüllen, bevor wir wieder auf die Idee kommen ins Valley und zu den noch größeren Wänden zurückzukehren.

Aber erstmal zurück zu unserer aktuellen Reise: Zufrieden verließen wir das Valley 2 Tage nach der Washington Column mit dem Plan noch zwei, drei Zwischenstopps auf dem Weg nach Boulder anzufahren, wo wir uns dann mit dem Verkauf unseres Autos beschäftigen wollen, da es ja bald zurück in die Heimat geht. Davon gibt’s dann mehr beim nächsten und voraussichtlich letzten Eintrag.

Zum Abschluss haben wir dieses Mal noch ein kleines Video, welches wir aus verschiedenen Clips von unserer Tour zusammengeschnitten haben. Die chronologische Reihenfolge wurde nicht immer berücksichtigt, aber bestimmt genügt es trotzdem, um einen Eindruck vom Big Wall-Klettern zu bekommen.

Kommentare

Bine — 22.10.2019

Großartig! Wieder einmal ganz tolle Bilder und tolle Momente die ihr mit uns teilt. Vielen lieben Dank! Das Video ist klasse! Danke :-) Is ja echt ganz schön hoch.... und Wahnsinn, wieviel Zeug ihr da mit schleppen müsst... Grüßle

Sebastian — 22.10.2019

Wow! Ihr schafft es immer wieder noch einen drauf zu setzen. Das ist echt eine beeindruckende Gegend, die ich damals ja nur von unten bestaunt habe. Macht weiter so! LG Seb

Uli — 24.10.2019

Das Wetter scheint größtenteils Rücksicht auf euer timeout zu nehmen :-)

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