Ten Sleep
Wyoming, USA

Zurück zu den Cowboys

25.09.2019

Nach den nervenaufreibenden Tagen, die wir erst wegen unseres Visums und dann wegen unserer Autoreparatur erleben durften, freuten wir uns auf entspannte Tage zusammen mit unserem letzten Gast Dan im Ten Sleep Canyon. Doch eigentlich war Dan ja gar kein richtiger Gast, sondern eher unser verloren gegangener Mitbewohner – dafür sprach besonders, dass es sich so anfühlte, als könnten wir mit unserer gemeinsamen Reise direkt dort anknüpfen wo diese letzten Herbst leider verfrüht geendet hatte. Dazu kam dann noch, dass wir uns alle ungemein aufs Klettern in Ten Sleep freuten – letzten Herbst war es dort einfach super und vor allem die Aussicht auf angenehme Hakenabstände übte nach mehreren Monaten Trad-Klettern einen unwiderstehlichen Reiz aus.

Das einzige Manko war diesmal die Temperatur, denn die Wettervorhersage kündigte für mehrere Tage die „böse Neun“ an. Kurze Erklärung: unverständlicherweise werden hier Fahrenheit verwendet, um die Temperatur anzugeben. Deren Umrechnung in Grad Celsius ist für wenig denkende Reisende meist ziemlich knifflig, weshalb wir uns darauf verständigten, dass jede zweistellige Temperatur, die mit einer Neun beginnt, schlicht als zu heiß einzuschätzen ist. „Achter“ gehen noch, solange man im Schatten ist, „Siebener“ können in der Sonne bei Wind ok sein und bei „Sechsern“ geht’s auch wunderbar in der Sonne.

Für die böse Neun gab es aber Abhilfe, nämlich die Ostseite des Canyons, welche am Morgen im Schatten liegt. Dort gab es zudem noch einige uns unbekannte Felsen, welche zwar weniger frequentiert sind und daher auch etwas bröselig, aber abgesehen davon ebenfalls super Touren beherbergen. Außerdem schafften wir es sogar einige Male so früh aufzustehen, dass wir vormittags auf der einen Seite klettern konnten, dann die Füße während der Mittagpause im Ten Sleep Creek abkühlen lassen konnten um dann am Nachmittag, wieder im Schatten auf der anderen Talseite, weiter zu klettern. Hört sich ganz einfach an, ist in der Umsetzung aber gar nicht sooo trivial wenn Frühs der Wecker klingelt.

Klettertechnisch war Ten Sleep uns auch dieses Mal wieder hold und erlaubte uns bereits nach wenigen Touren zum Einklettern wieder voll loszulegen. Zumindest ab dem Zeitpunkt da wir alle auch Kletterzeug hatten. Magischerweise verschwand nämlich Dan’s Kletterrucksack, inklusive Schuhe, Exen und Klettergurt, beim Packen des Autos in Boulder aus unser aller Blickfeld. Zum Glück rettete Colin uns vor kostenintensiven Maßnahmen indem er uns den Rucksack per FedEx hinterher in die Ten Sleep Brewery schickte (dorthin bekamen wir damals auch schon unsere Briefwahlunterlagen). Bis auf Dan’s Grigri kam dann auch alles wie erhofft an – keine Ahnung wohin das verschwunden ist…

Danach ging es dann aber richtig los und bereits nach wenigen Tagen erfüllte Dan eines seiner Reiseziele indem er sich seine Rotpunktbegehung von „Hanoi Hilton“ holte. Und auch Franzi schaffte es nach wenigen Versuchen schon ähnlich schwere Touren wie schon beim letzten Ten Sleep Besuch zu klettern. Und das nach mehreren Wochen Angst nach dem ganzen Trad Klettern nicht mehr Sportklettern zu können! Und auch Piet hat sich ähnlich wie letztes Jahr austoben können, wenn auch diesmal noch die ganz großen Herausforderungen links liegen gelassen wurden.

Die Kletterei an den neuen Felsen war ähnlich gut wie bei den Klassikern, wo wir uns letztes Mal hauptsächlich aufgehalten hatten. Es gibt sogar noch viele weitere neue Felsen, allerdings wurden dort im großen Stil künstliche Griffe geschaffen, was üblicherweise unerwünscht ist. Aktuell ist hier ein Kleinkrieg zwischen zwei Fraktionen ausgebrochen, welche auf der einen Seite das ‚Chippen’ aufs Strengste verurteilen und anderen Kletterern, welche toleranter oder ignoranter sind. Das Ganze ging soweit, dass in Rage geratene Locals die Haken kompletter Sektoren wieder entfernt haben, um die ‚künstlichen’ Touren wieder zu entfernen. Als Folge dieser Aktionen hat nun der Forest Service (Eigentümer des Lands) die Neuerschließung von Touren verboten, bis dieser zusammen mit den lokalen Kletterern eine vernünftige Regelung für Neutouren gefunden hat. Letztendlich kann man als Gast nicht viel machen außer seine Wunschpartei mit dem Kauf des entsprechenden Kletterführers zu unterstützen – das eine Buch enthält dann die künstlichen Touren – das andere an den entsprechenden Stellen verurteilende Worte über jene Routen.

Abseits vom Klettern genossen wir die Einsamkeit oben im Canyon entlang des alten Highways. Mit etwas Glück fanden wir einen freien Bereich etwas abseits der Straße wo wir es uns mit Campingstühlen, Tarp gegen Regen und einem Tisch (danke Colin!) direkt neben dem Auto bequem machen konnten. Da wir nun wieder zu Dritt waren konnten wir Abends auch endlich wieder etwas zocken, nämlich entweder „Nehmen“ (6-nimmt) oder „Mega Deals“ (Bohnanza). Musikalisch wurden die Abende vom Geheule der Koyoten untermalt. Dazu kam dann noch der ein oder andere Abend in der klettererfreundlichen Brewery oder im „Sleepy Coyote“ in Ten Sleep. Außerhalb des Canyons schafften wir es sogar in das „antiquitierte“ Kino von Worland (die nächstgrößere Stadt von Ten Sleep, 30 Autominuten), wo wir uns passend zum Zustand des Kinos „Once upon a time in Hollywood“ ansahen.

Außerdem unternahmen wir zusammen mit Dan noch zwei wundervolle Exkursionen: Erstens bescherte uns unser Antrag auf die Verlängerung unserer Visa einen Termin in Denver, bei dem wir unsere Fingerabdrücke abgeben sollten, damit unsere Identität verifiziert sowie auch die FBI Datenbank auf eventuelle Vergehen überprüft werden konnte. Zum Glück konnten wir diesen tristen Ausflug aber mit einem Escape Room in Boulder kombinieren, wo wir zusammen mit Colin, Big Kirill und Sydney einem verschwundenen Wissenschaftler auf der Spur waren.

Der zweite Ausflug war ebenfalls etwas zwiespältiger Natur, denn es sollte zurück zum Devil’s Tower gehen. Dan stand und steht dem Rissklettern ja sehr skeptisch gegenüber und auch Franzi war sich nicht ganz sicher, was sie davon halten sollte, diesmal möglichst viel vorzusteigen. Piet hingegen hatte wieder alles Schlimme vergessen und beteuerte, dass das alles kein Problem sei, denn damals, 2011, hätten der Flo und er ja schließlich überhaupt keinen Plan vom Rissklettern gehabt. Vier Autostunden und eine Übernachtung später fanden wir uns morgens um fünf Uhr im Regenwetter wieder und fühlten uns unangenehm an unser Gewittererlebnis in den Tetons erinnert. Diesmal waren wir aber etwas zuversichtlicher und als wir nach einer halben Stunde Warten im Auto zum Einstieg wanderten klarte es auch endlich auf und wir konnten bei einwandfreiem Wetter in die Tour starten.

Im Laufe der Tour wurde Franzi für ihre Vorstiegskünste von anderen Kletterern bewundert während Piet ein schlechtes Gewissen eingeredet wurde, da diese Tour, mit ihren Kaminen und Offwidth-Rissen, schon sehr undankbar für Anfänger wäre… Einige Zeit später auf dem Gipfel versicherte Dan dem dortigen Buch, dass dies gewiss seine letzte Riss-Mehrseillängen-Tour gewesen sein würde. Wenige Tage später relativierte sich das aber bereits zu einem „ich würd’s schon mal wieder versuchen“…

Gegen Ende unseres Aufenthalts bekamen wir noch ein paar Gäste: Colin & Winston (sein Kater), Doug, Little Kirill und einige seiner Arbeitskollegen. Colin nutzte das verlängerte Wochenende um Winston als „Climbing Kitty“ zu erziehen, d.h. Übernachtung im Zelt, das Durchstöbern der Umgebung des Campingplatzes, Pausenzeit (=Dauertiefschlaf) am Wandfuß und ein Leben an der Leine. Unsere Bedenken, dass die vielen „Crag-Dogs“, die freilaufenden Köter der anderen Kletterer („he/she’s friendly“ – er/sie knurrt wohl einfach nur so) den Kater zu sehr verschrecken würden, waren unbegründet, denn Winston zeigte sich von jenen Hunden ganz und gar unbeeindruckt. Das Ganze war vor allem deshalb brisant, weil auf zwei amerikanische Kletterer im Schnitt mindestens ein Hund kommt. Vielleicht ist man auch gar kein richtiger Kletterer, wenn man keinen „friendly dog“ hat?

Nach guten drei Wochen war Dan’s Urlaub leider schon wieder zu Ende und wir machten uns auf den Rückweg nach Boulder, um ihn von dort aus nach Denver zum Flughafen zu bringen. Auch wenn alle bisherigen Abschiede kein Grund zur Freude waren, fiel es uns diesmal leichter, denn er ist ja nur für relativ kurze Zeit. Mit dem Abschied von Dan verabschiedeten wir uns auch erst mal wieder von Sportkletterhaken und machten uns auf den Weg ins Yosemite Valley, um dort erneut die Klemmkeile und Friends, sowie vielleicht auch den eingeflogenen Haulbag, einzusetzen.

Kommentare

Bine — 26.09.2019

aaaach... sooo schön wieder was von euch zu lesen! So viele tolle Bilder und tolle Erlebnisse von euch! Am Besten ist ja die Katze. :-) Grüßle

Sebastian — 26.09.2019

Wieder einmal schöne Bilder, da wird man ja direkt urlaubsreif beim Anschauen. Und für sweet Kitty gibt es natürlich 1000 Bonuspunkte. :-)

Uli — 26.09.2019

Immer wieder stehen Bild und Text im Wettbewerb und ich kann nicht wirklich entscheiden was nun besser ist. Danke und Gruß vom Mitterhein

Flo R. — 28.09.2019

Dan, du Turnbeutelvergesser. Endlich wieder Wohlfühlklettern. Die Touren schauen alle wahnsinn aus. Wirklich geil.

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