Von Höhen und Tiefen
17.08.2019
Als wir in Squamish nach so langer Zeit unser Zelt zusammengepackt haben und losgefahren sind, hat es sich so angefühlt, als ob wir in einen Urlaub aufbrechen – verrückt! Von Squamish aus ging es zurück nach Vancouver, wo wir einen kurzen Stopp bei Piet’s ehemaligen Physiotherapeuten eingelegt haben, um ihm mitzuteilen, dass das Knie bisher gute Dienste geleistet hat. Dann sind wir über mehrere Stationen zurück nach Boulder in Colorado gefahren – waren also wieder im Nomadenmodus, da das Zelt nie länger als 2 Nächte am gleichen Ort stand.
VALHALLA PROVINCIAL PARK
British Columbia, Kanada
In den Valhallas hatten wir uns eine anspruchsvolle Tour ausgesucht, die wir versuchen wollten, den Südgrat des Mount Gimli. Mount Gimli ist circa 2770 Meter hoch und über einen fast 5 Kilometer langen steilen Wanderweg erreichbar, bevor man dann in eine 7 Seillängentour zum Gipfel einsteigt. Davor musste sich unser Sir Henry allerdings eine ziemlich intensive 24 Kilometer lange „Dirt Road“ hocharbeiten. Für uns wurde es dann ab dem Zeitpunkt spannend ab dem wir uns ins Zelt verkrümelt hatten, denn um uns herum wimmelte es von „Rodents“ (=Nager, inkl. Marder) denen wir Schabernack mit unserem Auto zutrauten und vor allem auch Grizzlies – dafür hatten wir uns aber dank beeindruckenden Geschichten mit Bärenspray ausgerüstet.
Pünktlich um 4.00 Uhr morgens klingelte dann der Wecker und es ging los. Dauerhaft begleitet von einem Mückenschwarm sind wir 2 Stunden lang den Berg hochgestapft, um über der Baumgrenze tatsächlich die Tiere zu finden, die wir unbedingt sehen wollten: Mountain Goats. Diese haben sich dauerhaft um den Mount Gimli herum angesiedelt, verlieren gerade ihr Winterfell, haben sogar Nachwuchs präsentiert und sind schauerlich gierig nach den Salzen im menschlichen Urin – weswegen es dort in luftiger Höhe ein Plumpsklo und sogar ein freistehendes Urinal gibt, damit die Mountain Goats nur für sie natürliche Salzquellen anzapfen. Zusätzlich gab es auch ziemlich runde und neugierige Murmeltiere, die auch gerne am Kletterzeug und den Rucksäcken genagt haben – wahrscheinlich auch, um das Salz aus unserem Schweiß zurück zu gewinnen.
Vom Aufstieg mit dem schweren Kletterequipment bereits etwas erschöpft sind wir dann in die Tour eingestiegen. Gleich die erste Seillänge soll wohl die Schwerste sein – und tatsächlich mussten wir dort auch gleich richtig schuften. Aber wir haben sie geschafft, um dann an einem ziemlich exponierten selbstgebauten Stand zu hängen und tief durchzuatmen. Nach einer weiteren Seillänge haben wir uns dann angeschaut und festgestellt, dass wir nicht wirklich fit sind und sich alles viel anstrengender anfühlt als es sollte – ob es die Höhenluft ist, das frühe Aufstehen, der schlechte Schlaf, die verstopften Nebenhöhlen oder wir einfach doch nicht so fit sind wie gedacht konnten wir nicht genau feststellen. Wir haben uns dann erfolgreich von einem riesigen Chockstone (=verklemmter Block) abgeseilt, die wirklich wunderschöne Landschaft bei einem zweiten Frühstück genossen und sind wieder abgestiegen. Nach der langen Rückfahrt über die Holperpiste sind wir am nächstgelegenen Campingplatz ins Schlafkoma versunken.
BANFF NATIONAL PARK
Alberta, Kanada
Am nächsten Tag haben wir lange überlegt, ob wir es nochmal versuchen sollten, uns dann allerdings dagegen entschieden – hauptsächlich wegen der langen Zufahrt und der Tatsache, dass Sir Henry seitdem undefinierbare Ruckler beim Lenken machte. Also sind wir weiter durch die atemberaubende kanadische Landschaft durch den Glacier National Park in den Yoho National Park gefahren, um uns dort noch einen letzten Platz für unser Zelt zu ergattern. Am nächsten Morgen sind wir früh raus, um im an den Yoho National Park anschließenden Banff National Park noch einen Campingplatz zu finden.
Überraschenderweise waren bei unserem präferiertem Campingplatz keine Zelte mehr erlaubt – laut Ranger sind dort wohl mehrere Grizzlymamas mit Nachwuchs heimisch, welche gerne mal ein Zelt untersuchen. Zusätzlich sind diese wohl auch schon auf Camper zugestürmt um die menschliche Willensstärke zu testen („charge“ - kein Angriff!). Naja, jetzt darf man dort nur noch im Wohnmobil nächtigen.
Das hat uns natürlich viel Zuversicht für den nur wenige Kilometer entfernt liegenden nächsten Campingplatz gegeben. Aber dort haben wir ein schönes Plätzchen gefunden und wurden auch von den Bären in Ruhe gelassen. Anschließend sind wir am Lake Louise wandern gegangen und schließlich zeitig ins Bett, damit wir am nächsten Morgen rechtzeitig am Parkplatz zu unserem nächsten Ziel sein konnten – dem Tower of Babel. Dieser Turm zu Babel liegt nämlich am Moraine Lake, einem magisch türkisblauen See, welchen so viele Touristen sehen wollen, dass der Parkplatz ab ca. 6:00 Uhr früh bereits voll ist und daraufhin die Zufahrt gesperrt wird. Pünktlich um 5:40 Uhr wollten wir auf diesen Parkplatz abbiegen, um festzustellen, dass er bereits gesperrt ist – toll! Die einzige andere Möglichkeit, zum Startpunkt zu kommen, ist zum Shuttle Parkplatz zu fahren und mit dem Shuttle zu fahren. Uns blieb nichts Anderes übrig – dort haben wir dann auch den Grund erfahren, warum der Parkplatz schon gesperrt war: Wir haben den Übergang von der Pacific Standard Time zur Mountain Time verschlafen – und damit waren wir schon eine Stunde weiter als gedacht. Das hat uns zeitlich etwas in Bedrängnis gebracht, da der letzte Shuttle Bus bereits um 16:30 zurück fährt und wir für die Klettertour einige Stunden einplanen mussten. Letztlich haben wir’s dann trotzdem versucht.
Also auf in den Shuttlebus, dann zum Moraine Lake und ein wunderbar loses Schuttfeld hoch zum Einstieg vom Tower of Babel. Das Gestein, indem wir klettern waren, war ebenfalls relativ brüchig und lose (Nordwestwand) und auch die Wegfindung war nicht immer leicht, aber Stück für Stück haben wir uns die 9 Seillängen nach oben gearbeitet, um letztendlich bei einem imposanten Steinmann auf dem Gipfel rauszukommen. Leider merkten wir hier schon, dass es mit dem letzten Shuttlebus knapp werden könnte, wollten aber beim steilen Schuttabstieg durch die Abstiegsrinne nicht zu sehr hetzen, damit wir mit heilen Knien unten ankommen. Natürlich haben wir den letzten Bus um 10 Minuten verpasst. Aber diesen Tiefpunkt haben wir ziemlich schnell überstanden, denn für genau solche Kandidaten wie uns gab es um 17.00 Uhr noch einen weiteren Bus, der all die verlorenen Schafe aufsammelte. Also sind wir gut beim Sir Henry angekommen und haben diesmal Abends wieder auf eine erfolgreiche Tour anstoßen können. Zudem haben wir auf dem Rückweg zum Zelt einen Grizzlybären am Horizont über Bahngleise galoppieren sehen (der war ganz schön groß) und zwei Schwarzbären, die am Straßenrand im Gebüsch rumschnufften und in der Erde buddelten. Toll!
Am nächsten Tag sind wir Richtung Montana, also zurück in die USA, gestartet. Da wir im März an der kanadisch-amerikanischen Grenze überhaupt keine Probleme hatten, waren wir diesmal ziemlich zuversichtlich – aber dieser Beitrag geht ja über Höhen und Tiefen und wir sind unwissentlich auf einen weiteren Tiefpunkt zugesteuert. Als wir damals im März in die USA eingereist sind, haben wir einen weißen Zettel in unseren Pass getackert bekommen – und was wir nicht wussten, ist, dass wir diesen Zettel vom kanadischen Grenzbeamten hätten herausnehmen lassen sollen, als wir im Juni nach Kanada gefahren sind. Dieser formelle Fehler ist jetzt Schuld daran, dass wir vielleicht nicht so lange in den USA bleiben können, wie wir geplant hatten. Nach dem ersten Schock haben wir den nächsten Tag in einem Starbucks verbracht, das amerikanische Immigrationsgesetz studiert und uns online um eine Verlängerung unserer Visa beworben… und auf das Ergebnis dieses Antrags warten wir nun…
GRAND TETON NATIONAL PARK
Wyoming, USA
Vorerst dürfen wir auf jeden Fall in den USA bleiben und sind, über einen kurzen Zwischenstopp im Yellowstone National Park, der erneut beeindruckend war, in den Grand Teton National Park gefahren. Hier hatten wir uns einen besonderen Triathlon vorgenommen: Erst 2 Stunden mit einem Kanu über zwei Seen paddeln, dann 2 Stunden mit Sturmgepäck (Zelt, 2 Isomatten, 2 Schlafsäcke, Bärenbox mit Essen für 2 Tage, Wasser, Trad-Klettersachen inkl. 17 Friends, Klemmkeile, Gurte, Karabiner, Exen, sowie 2 Seilen) 1000 Höhenmeter wandern, dort schlafen, und am nächsten Tag erneut 2 Stunden weitere 600 Höhenmeter hochwandern um dann noch 400 Meter auf den Mount Moran zu klettern.
Am ersten Tag vor Ort haben wir uns im Ranger-Office die Genehmigung geholt, auf dem kleinen Campingplatz auf halber Strecke schlafen zu dürfen und die Bärenbox erhalten (wir sind erneut im Grizzlybärenland) und uns nach dem aktuellen Wetter erkundigt. Anscheinend gibt es diese Saison viele Gewitter, teilweise wohl auch früh, aber die Aussichten waren dennoch gut genug für unser Vorhaben. Also haben wir uns auch ein Kanu organisiert und sind am nächsten Tag losgepaddelt. Das Paddeln hat richtig Spaß gemacht und führte uns über zwei sehr schöne Seen. Den steilen Aufstieg mit den zwei schweren Rücksäcken durchs Blockfeld in der Sonne auf knapp 2900 Meter können wir allerdings nur als Qual beschreiben. Wir waren so froh, als wir den idyllischen Backcountry-Campground erreicht hatten. Dort haben wir uns von anderen Kletterern, die an diesem Tag die Tour geklettert sind, zusätzliche Informationen geholt und uns den ersten unübersichtlichen Teil des Aufstiegs am nächsten Morgen, der im Dunkeln stattfinden sollte, angeschaut. Erledigt sind wir ins Bett gefallen, haben allerdings aufgrund von Kopfschmerzen, wahrscheinlich wegen der Höhe, nicht so gut geschlafen wie erhofft. Und dann hatten wir die nächste Entscheidung zu treffen: Als um 03.00 Uhr morgens der Wecker klingelte, war das Erste, was wir sahen, ein Blitz, der das Zelt erhellt hat… Der Wind hat ordentlich zugenommen und während der nächsten halben Stunde hat es immer wieder leicht geregnet. Am dunklen Himmel waren keine Sterne zu sehen – also sind wir zurück ins Zelt gekrabbelt und haben versucht weiter zu schlafen. Uns fiel die Entscheidung richtig schwer – aber wir konnten in der Dunkelheit nicht abschätzen, wie nah das Gewitter ist, wohin es sich bewegt, wie die Wolken aussehen usw. – und desto später man in die Klettertour zum Gipfel einsteigt, desto wahrscheinlicher ist, dass man in die hier häufigen Nachmittagsgewitter kommt – und das wollten wir auf knapp 4000 Metern definitiv vermeiden. Aber es gab zwei weitere Seilschaften, die sich nichts desto trotz auf den Weg gemacht haben und die Tour auch geklettert sind… *grummel* So unterschiedlich sind die Entscheidungen beim alpinen Klettern.
Wir sind dann am Vormittag noch die nächsten 600 Höhenmeter zum Einstieg der Tour gewandert und haben diese sowie den Gletscher zur Rechten bewundert, um dann bei erneutem Donnergrollen in der Ferne wieder zum Zelt zurück zu eilen. Damit es sich zumindest gelohnt hatte das Zelt, Schlafzeug und Essen hier hoch geschleppt zu haben, haben wir noch eine Nacht hier verbracht und sind erst am nächsten Tag bei Sonnenaufgang zurück zum Kanu abgestiegen, um danach über den stillen morgendlichen See zurück zu paddeln. Gerne hätten wir an diesem Tag die Tour nochmal versucht, aber wir mussten das Kanu bis Mittag zurückgegeben haben. Dafür haben wir bei der Kanufahrt einen leicht gigantischen Biber gesichtet und bei der Fahrt zur Kanurückgabe einen hübschen jungen Fuchs. Tiefen und Höhen ;)
Von hier sind wir dann nach Boulder gestartet und haben vorab bereits eine Autowerkstatt angerufen, da uns das Lenkradruckeln vom Sir Henry beim Lenken immer weniger gefallen hat – und siehe da, auch hier gab es wieder etwas für uns zu tun. Der erste Mechaniker, den wir um Rat fragten, erklärte sich aber nicht bereit am offenen Herzen unseres Wagens zu operieren – weswegen wir uns noch eine zweite Meinung einholen mussten. Möglicherweise war unsere Fahrt zum Mount Gimli doch eine Nummer zu anspruchsvoll für unseren alten Herrn – denn das mysteriöse Ruckeln stellte sich als ein Problem mit dem Getriebe heraus. Zum Glück hat alles gehalten bis wir hier in Boulder angekommen sind! Letztendlich war die kostspielige Reparatur dann dennoch die beste Option für uns, um mit dem aktuellen Reiseplan noch weiter zu machen. Aktuell fährt er jetzt wieder ohne Probleme – und hoffentlich hat unser kleines „Dirt Road Abenteuer“ keine weiteren bisher unerkannten Probleme verursacht! Die Straßen zu unseren nächsten Zielen sind unseres Wissens nach in sehr guter Verfassung – davon dann beim nächsten Mal mehr.





















Uli — 18.08.2019
Probleme mit dem Getriebe
Uli — 18.08.2019
Hoffe es hält durch
Bine — 19.08.2019
sooooo schöööööön! Hoffentlich hält Sir Henry noch durch und begleitet euch noch eine ganze Weile! Schön, dass ihr wieder in Boulder seid und grüßt mir die Katze. :-) Grüßle
Valley boy Rob — 03.09.2019
Hallo meine Lieben, schön zu sehen, dass die gelbe Eierbox aus dem Yosemite Valley immer noch euer treuer Begleiter ist. Liebe Grüße aus Pfaffenhofen Rob
Flo R. — 28.09.2019
Der Grat des Zwergenbergs schaut ja wirklich sehr cool aus. Das Foto wo Piet sehnsüchtig hochschaut ist auch wirklich gut geworden. Kanada ist einfach super schön. Aber auch die Bilder aus Wyoming und den Grand Tetons sind Wahnsinn. Super cool. Winston schaut ja freaky aus. Und was hat der Colin eigentlich für eine Platte bekommen?