Indian Creek
Utah, USA

Unser Freund, der Riss

15.04.2019

Bevor wir uns im Crag-Mekka Indian Creek den nächsten Herausforderungen stellten, haben wir uns nochmal einen gemütlichen Tag im Auto gegönnt und typisches Sightseeing betrieben: Zuerst haben wir das Betatakin Dorf besichtigt, ein Dorf im Schatten einer gigantischen Höhle, in dem die Vorfahren der Navajo Indianer um 1250 n. Chr. gelebt haben – endlich mal ein Stück Geschichte, bevor die Europäer in den USA gelandet sind. Danach ging es weiter im Land der Navajo Nation ins Monument Valley, wo wir verschiedenste Arten von Monumenten bestaunt haben – und sich die Vorfreude auf Indian Creek aufbaute, denn die Felsen hier schauen gar nicht so viel anders aus als dort – Sandstein-Monumente mit zahlreichen relativ geraden und perfekten Rissen.

In Indian Creek angekommen mussten wir feststellen, dass alle Campingplätze bereits belegt waren, konnten dann allerdings auf dem dortigem BLM-Land einen richtig schönen Platz mit Sonnenuntergangssicht ergattern. BLM-Land wird vom Bureau of Land Management verwaltet und ist der Freund des reisenden Sparfuchses: hier darf der freie Amerikaner (sowie Touristen) machen was er will, zum Beispiel kostenlos campen.

Hier mussten wir allerdings auch erst wieder in den Pampa-Campingplatz-Modus kommen: Die nächste Stadt, Moab, die uns mit frischem Wasser, Lebensmitteln, Internet und Dusche versorgen kann, ist von dort ca. 110 Kilometer weit weg. Dementsprechend waren wir froh, dass wir in Red Rocks einen zweiten Wasserkanister geschenkt bekommen haben (die früheren Besitzer sind wieder nach Hause geflogen) – so konnten wir genug Trinkwasser mobil in die Wüste mitnehmen. Die Milch durfte uns nicht in der Wüstensonne kaputtgehen – deswegen wurden Kühlschranklöcher etabliert – und die meisten Lebensmittel wurden in einer ungekühlten Kühltruhe versenkt (die wir ebenfalls in Red Rocks von abreisenden Gästen "bekommen haben"). Die nächsten Toiletten waren an den Kletterparkplätzen ca. 15 Minuten weg – wenn’s also dringend war, wurde das Schäufelchen und Klopapier gepackt und ein Spaziergang in die buschige Wüste unternommen. Dabei musste man aber vorsichtig sein, denn die hier in der Wüste überlebensfähige Tierwelt erwachte langsam aus der Winterruhe.

Umso erfreuter waren wir, als wir bei einer Fahrt am Ruhetag in den nahe gelegenen Canyonlands Nationalpark (für diesen Nationalpark gibt es mehrere, voneinander getrennte Abschnitte; in dem Teil, der von Moab direkt zugänglich ist, waren wir bereits an Piet’s Geburtstag letzten November) nicht nur Frischwasser am dortigen Visitor Center entdecken konnten, sondern auch beim Needles Outpost eine nähere Duschmöglichkeit gefunden haben.

Aber nun zum gewünschten "blutigen" Teil, dem Rissklettern an sich. Um im ersten Übungsriss das Toprope zu installieren, hat sich Piet erstmal technisch (also ohne wirklich zu klettern, von Sicherungsmöglichkeit zu Sicherungsmöglichkeit in Trittleitern hochsteigend) hochgearbeitet. Eine Weile später, mit dem Sicherungsseil von oben, gab es dann keine Ausreden mehr: Hände, Füße, Fäuste, Ellbogen, Knie, Schulter, Hüfte – alles, was der Körper hergibt, darf und muss im Riss, je nach Rissgröße, versenkt und verklemmt werden, um sich nach oben zu arbeiten. Dabei ist auch jegliche Art der lauten Hechel-Atmung gestattet, die überall häufig und intensiv am Fels zu hören war.

Die Absicherung ist auch wieder traditionell – hauptsächlich mit sogenannten "Friends", die wir in allen möglichen Größen dabeihatten. Nicht selten freuten wir uns darüber mehr als 5 oder 6 Stück von einer Größe dabeizuhaben, um selbst die homogensten Risse komfortabel abzusichern.

Das Ergebnis waren blaue Flecken, aufgeschrammte blutige Knöchel (Fußknöchel innen und außen, Handknöchel hauptsächlich die Inneren), verkratzte Knie, Ganzkörpermuskelkater am nächsten Morgen, Frustration, leichte bis intensive Wut auf den Riss (ok, auch etwas auf sich selbst), geschundene Hand- und Fußflächen, Studium von Crag-Klettertechnikvideos am Abend im Auto, sowie häufige Technikfragen an die freundlichen Kletterer vor Ort (die alles so leicht aussehen lassen). Nach ein paar Tagen des Zähne-Zusammenbeißens gab es dann aber endlich auch die ersten Handjams (Handklemmer), die richtig gut hielten, und die ersten Meter, die rein im Riss geklettert werden konnten. In den letzten Tagen haben wir sogar ein paar Vorstiege gemeistert! Und, was insbesondere die Franzi überraschte, war, dass wir gegen Ende unseres Aufenthalts dort auch wirklich Spaß beim Klettern hatten und auch sehr gerne zum ein oder anderen Riss zurückkehren würden, um ihn nochmal zu probieren. Dieser ewige Fluch des Kletterers hat uns nun also auch beim Rissklettern erwischt.

Deswegen waren wir wirklich enttäuscht, als wir – wieder einmal – durch plötzlichen Schneefall aus dem Klettergebiet vertrieben worden sind. Das Wetter war schon die ganze Zeit ein wichtiger Faktor, da es tagsüber teilweise zu heiß war, um wirklich noch Spaß beim in der Sonne klettern zu haben. Der Sonnenbrandgefahr und der Helligkeit haben wir versucht mit Sonnencreme, Sonnenbrillen und Hüten Herr zu werden, was tagsüber auch funktioniert hat, am Abend dann aber leider nicht mehr. Immer wieder war es dann so kalt, dass wir uns zum Essen in den Sir Henry verkrochen haben und, weil wir einfach gar nicht draußen sitzen wollten, Autokino genossen haben.

Dann wiederum gab es Tage, an denen es, obwohl die Wettervorhersage gar nicht so schlecht war, plötzlich einfach mal geschüttet hat – was dann erstmal kein Klettern mehr bedeutete, da der Sandstein die Feuchtigkeit aufsaugt und weich wird. Krümeliger Sand an den Fingern sorgt nicht für das größte Vertrauen und vor allem halten die Sicherungen dann auch nicht mehr so zuverlässig. Währenddessen hat sich aber der Frühling Stück für Stück seinen Weg gebahnt – und so grün und lila wie es jetzt war, konnten wir es uns im November nicht einmal vorstellen.

Das große Wetterfinale war am Ende dann aber doch ziemlich eindeutig: An unserem letzten Abend sind uns bereits beim Abstieg die vielen, teilweise sehr schnellen, Tumbleweeds aufgefallen und auf der Fahrt vom Fels zum Zeltplatz wurde Wüstensand hoch und weit herumgeblasen. Deswegen haben wir kurzfristig unsere Kochpläne geändert und es gab Maccaroni & Cheese (amerikanisches Nationalessen, schnell, einfach und nicht gesund, gibt’s natürlich auch für die Mikrowelle), welche von Franzi mit zugekniffenen Augen in Staubwirbeln zubereitet wurden, während Piet das Zelt zusätzlich befestigt hat. Gegessen wurde, selbstverständlich, im Auto. Dann haben wir festgestellt, dass der Sand es nicht nur in unsere Ohren geschafft hat, sondern auch, durch die geschlossenen Türen, ins Zelt. Der Sand wurde ordentlich verflucht, nachts wurde das Zelt vom Wind noch ordentlicher gerüttelt und geschüttelt und früh haben wir, gerade rechtzeitig vorm nächsten Regenschauer, alles versucht vom Sand zu befreien und zusammengepackt, um dann bei der Fahrt hinaus dem Schnee zu begegnen. Ade Indian Creek!

Durch unseren Rauswurf aus dem Creek haben wir einen extra Tag erhalten, den wir spontan, nach einer Intensivreinigung unserer Körper, insbesondere der Ohrmuscheln, sowie unserer Schlafsachen, genutzt haben, um über das Escalante National Monument zum Peek-A-Boo-Canyon sowie dem Spooky Canyon zu fahren, sogenannten Slot Canyons. Diese können zu Fuß in Wanderschuhen durchquert werden, in dem man an den engen, verzwickten Stellen kraxelt, rutscht und einfach versucht, nicht stecken zu bleiben. Unserer Meinung hat sich dieser Umweg zurück nach Red Rocks, wo wir erneut für einen Abend Kirill, Colin, Scott und nochmal Kirill getroffen haben (die waren auf Junggesellenabschied in Las Vegas), absolut gelohnt, bevor es für uns erstmal aus der Wüste raus zurück nach Kalifornien geht.

P.S.: Danke an alle, die uns Trad-Ausrüstung geschenkt, geliehen oder zum Freundschaftspreis verkauft haben – so haben wir häufig den Mut gefunden, in einen Riss einzusteigen, da wir einfach genug passende „Friends“ dabei hatten ;)

Kommentare

Basti — 17.04.2019

Mega nice! Weiterhin gute Reise!

Karin — 17.04.2019

Tief beeindruckt von Euern Mut ! Alles Gute weiterhin!

Jörg — 17.04.2019

Kommt Ihr je zurück?

Sebastian — 17.04.2019

Klasse, erinnert mich an alte Zeiten in New Mexico. :-)

Määäh — 24.04.2019

Respekt! Lassts euch gut gehen -und haltet die Ohrmuscheln schön sauber ;-)

Bine — 25.04.2019

Mega toller Bericht! Da bekommt man grad Lust aufs Rissklettern

Bine — 28.04.2019

Wooohooooo :-) die (kack) Schaufel! Endlich findet sie einen Platz in eurem Bericht! Wer hat noch drauf gewartet?

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